Folgende Predigt wurde in der Johannesgemeinde in Springvale, Melbourne in Januar 2025 gehlaten. Der vollstädnige Gottesdienst ist dem Youtubechannel der Gemeinde zu finden.
Im Predigttext für den heutigen Sonntag begegnen wir einer Szene, die auf den ersten Blick alltäglich erscheint, aber bei näherem Hinsehen tiefgreifende Wahrheiten über unser Leben offenbart.
Heute lade ich euch ein, diese Begegnung am Brunnen noch einmal gemeinsam zu entdecken. Schritt für Schritt wollen wir in die Tiefe dieser Geschichte eintauchen und schauen, was sie uns heute zu sagen hat. Ich lese sie abschnittsweise.
5 Sein Weg führte ihn durch Sychar, eine samaritanische Ortschaft, in deren Nähe das Feld lag, das Jakob einst seinem Sohn Josef gegeben hatte, 6 und wo sich auch der Jakobsbrunnen befand. Es war um die Mittagszeit[2]; müde von der Reise hatte sich Jesus an den Brunnen gesetzt. 7-8 Seine Jünger waren in den Ort gegangen, um etwas zu essen zu kaufen.
Jesus durchquert Samaria – eine Region, die von den Juden seiner Zeit mit Misstrauen und Verachtung betrachtet wird. Das Wort »Samariter« gilt damals fast als Schimpfwort. Die Menschen dort haben ihre eigene Tradition, ihre eigene Auslegung der Heiligen Schriften, und ihr eigenes Heiligtum. Diese Unterschiede sind nicht bloß akademische Streitfragen – sie haben echte Gräben zwischen den beiden Gruppen geschaffen, die die Gegenwart Jesu belasten. Ich stelle mir vor es ist etwa so als wenn heute sich ein Jude und Palistinensar oder Ein Russe und Ukrainer am Brunnen treffen oder vielleicht im Supermarkt beim Wasserregal.
Jedenfalls ist es Mittag, die Sonne brennt, und Jesus, erschöpft von der Reise, setzt sich an einen Brunnen. Dieser Brunnen ist nicht irgendein Ort – es ist der Jakobsbrunnen, ein Platz, der in den religiösen Geschichten und Traditionen tief verwurzelt ist. Er ist mehr als eine Wasserquelle; er ist ein Symbol für die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart, von Glaube und Identität.
7-8 Seine Jünger waren in den Ort gegangen, um etwas zu essen zu kaufen. Da kam eine samaritanische Frau zum Brunnen, um Wasser zu holen. Jesus bat sie: »Gib mir zu trinken!« 9 Überrascht fragte die Frau: »Wie kannst du mich um etwas zu trinken bitten? Du bist doch ein Jude, und ich bin eine Samaritanerin!« (Die Juden meiden nämlich jeden Umgang mit den Samaritanern.[3]) 10 Jesus antwortete: »Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: ›Gib mir zu trinken‹, dann hättest du ihn gebeten, und er hätte dir Quellwasser gegeben, lebendiges Wasser[4].« 11 »Herr«, wandte die Frau ein, »du hast doch nichts, womit du Wasser schöpfen kannst, und der Brunnen ist tief. Woher willst du denn dieses lebendige Wasser nehmen? 12 Bist du etwa mehr als unser Stammvater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben und selbst von seinem Wasser getrunken hat – er und seine Söhne und seine Herden?« 13 Jesus gab ihr zur Antwort: »Jeder, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen. 14 Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr durstig sein. Das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zu einer Quelle werden, die unaufhörlich fließt, bis ins ewige Leben[5].«
Jesus sagt der Samariterin, sie möge ihm doch aus dem Brunnen zu trinken geben. Die Frau wundert sich und reagiert verblüfft: „Wie bitte? Du willst von mir, einer Samariterin, Wasser? Du bist doch ein Jude!“ Ihr Erstaunen ist nicht unbegründet. Diese Frau weiß genau, wie Juden normalerweise auf sie reagieren: mit Ablehnung, vielleicht sogar Verachtung, einige Spucken auf den Boden, oder werfen ihr vielleicht sogar einen Stein nach. Aber Jesus durchbricht die Muster. Keine Vorurteile, keine Anfeindungen. Stattdessen beginnt ein Gespräch. Ein Gespräch, das mehr ist als Smalltalk. Es ist ein Dialog über Hoffnung, Wahrheit und die Chance auf einen Neuanfang. Und hier, mitten im Alltag, bringt Jesus das Thema auf den Tisch: eine neue Art, Glauben zu leben.
„Wenn du die Gabe Gottes erkennen würdest und wüßtest, wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken, dann würdest du ihn bitten, und er würde dir lebendiges Wasser geben,“ sagt Jesus. Ein Satz, der es in sich hat. Es ist wie das Zitat von C.S. Lewis: „Wir sind halbherzige Geschöpfe, die sich mit zu wenig zufriedengeben, obwohl uns Unendliches angeboten wird.“ Jesus zeigt der Frau, dass sie nicht an den alten Strukturen und Erwartungen festhalten muss. Der Durst, den sie verspürt, ist mehr als ein Bedürfnis nach Wasser – es ist ein Hunger nach Sinn, nach echter Verbindung, nach einem Leben, das mehr ist als das bloße Abarbeiten des Alltags.
Und hier kommt der Clou: Dieser neue Zugang zu Gott, von dem Jesus spricht, ist für alle offen. Es geht nicht darum, wer Recht hat oder welche Tradition die bessere ist. Es geht darum, ob wir bereit sind, uns einladen zu lassen. Ob wir den Mut haben, alte Muster hinter uns zu lassen und uns auf etwas einzulassen, das unser Leben wirklich erneuern kann.
Das Gespräch am Brunnen wird zu einem Beispiel für einen Glauben, der nicht trennt, sondern verbindet. Ein Glauben, der den Blick öffnet für die Möglichkeiten des Neuanfangs. Und das, liebe Gemeinde, ist eine Botschaft, die uns auch heute noch mitten ins Herz treffen kann.
Hier begegnen wir einer Situation, die eigentlich alle Zutaten für einen Streit enthält: tief verwurzelte Vorurteile, kulturelle Barrieren und religiöse Differenzen. Doch was tut Jesus? Er öffnet einen Raum, in dem diese Gegensätze keine Macht mehr haben. Seine Worte durchbrechen die Schranken, nicht mit Gewalt, sondern mit einer Einladung zu etwas Größerem. Es ist, als würde er sagen: „Hör auf, die Welt in Schubladen von ‚wir‘ und ‚die anderen‘ zu sortieren, und erkenne, dass es eine Wahrheit gibt, die weit über eure, über ALLE Unterschiede hinausgeht.“
Und dann kommt dieser fast provozierende Satz: „Gott verwirklicht sich selbst an den Menschen, nicht die Menschen verwirklichen Gott.” Es sagt: Gottes Realität hängt nicht davon ab, ob wir ihn in unseren kleinen Systemen unterbringen können. Er ist nicht darauf angewiesen, dass wir ihn rechtfertigen oder verteidigen. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, tun dies im Geist und in der Wahrheit (V 24). Das bedeutet, dass die wahre Begegnung mit Gott nicht an Ort, Ritual oder Herkunft gebunden ist – sie ist universell und doch tief persönlich.
Ich erlebe heute immer wieder, nicht nur Menschen anderer Religion sondern Christen, die sich von anderen, auch von ihren Geschwistern im Glauben lieber abspalten als Einladen. Immer dann, wenn einer fragt was für ein Christ man sei, bekehrt oder Neugeboren, Erleuchtet oder Geisterfüllt. Getauft als Kind oder Erwachsener? Für mich bleibt das Gesprach am Brunnen und seine Botschaft eined zutiefst Evangelische Botschaft. Also eine Botschaft nach dem Evangelium Jesu Christi.
Und diese neue Wirklichkeit, die Jesus hier beschreibt, beginnt genau in dem Moment, wo Menschen bereit sind, ihre Vorstellungen loszulassen und Gott wirken zu lassen. Es ist ein mutiger Schritt, der uns von der Rechthaberei in die Freiheit führt – weg von den starren Grenzen unserer Wahrheiten hin zu einer Wahrheit, die größer ist als wir selbst
Unsere Gegenwart zeigt immer wieder, wie oft Tradition als Rechtfertigung für Unterdrückung und Machtstreben missbraucht wird. Ob religiös oder politisch, es gibt eine Tendenz, alte Konflikte und Narrative so zu verdrehen, dass sie Gewalt und Hegemonie legitimieren. Doch Jesus zeigt am Jakobsbrunnen einen radikal anderen Weg: Er hätte die Frau ablehnen können, sich auf die Tradition berufen, und damit die Konflikte nur vertieft. Stattdessen öffnet er eine Tür zu einem Neubeginn, der auf Geist und Wahrheit gründet und nicht auf Machtspiele.
Die Begegnung zwischen Jesus und der samaritischen Frau lehrt uns eine universelle Wahrheit: Echte Gottesnähe überwindet die engen Grenzen von Herkunft, Tradition und Status. Wo Menschen sich von Gottes Geist berühren lassen, entsteht eine neue Wirklichkeit – eine, in der Hoffnung, Frieden und Menschenliebe Raum finden, sich zu entfalten. Wer so glaubt, wird selbst zur Quelle lebendigen Wassers, die in einer zerrissenen Welt erfrischt und heilt.
13 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; 14 wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt. 15 Spricht die Frau zu ihm: Herr, gib mir dieses Wasser, damit mich nicht dürstet und ich nicht herkommen muss, um zu schöpfen!
Ein letzter Gedanken.
Die Frau, der Jesus hier begegnet, hat Durst. Es ist ohne weiteres ersichtlich, dass Jesus mit seiner Rede vom lebendigen Wasser mehr anspricht als nur das menschliche Grundbedürfnis, dem Körper zu geben, was er zum Leben braucht. Der Durst steht für das menschliche Verlangen, mehr aus dem Leben zu machen, als es lediglich zu erhalten.
Der Durst steht für die Sehnsucht nach einem glücklichen und erfüllten Leben.
Da ist die Sehnsucht nach gelingenden, zwischenmenschlichen Beziehungen, die die Unsicherheit und Zweifel quälen.
Da ist die Sehnsucht, gesehen zu werden und Anerkennung zu finden für das, was man leistet.
Da ist die Sehnsucht, einen Sinn in dem zu sehen, was man tut und womit man sein Geld verdient.
Es gibt viele Sehnsüchte, die in den Herzen der Menschen Platz haben. Diese Sehnsüchte sind wie ein brennender Durst, der schon immer Menschen auf ihrer Suche in weit entfernte Länder und hoch unter den Himmel geführt hat. Doch kann es nicht verhindern, dass man wieder durstig wird. All die vielen Sehnsüchte, die in den Menschen brennen, sind Abbilder der einen Sehnsucht, die allen anderen zu Grunde liegt – die Sehnsucht nach Beziehung und Liebe. Das biblische Zeugnis berichtet, dass es die Sehnsucht Gottes nach einem Gegenüber war, was ihn veranlasst hat, den Menschen zu erschaffen. Doch ist der Mensch aus dieser Beziehung ausgebrochen, um sich selbst zu verwirklichen. Und seitdem brennt der Durst, die Sehnsucht in seiner Kehle, ohne jemals ganz gelöscht zu werden. Der Vielzahl an Möglichkeiten, dem alltäglichen Leben und Streben zu entkommen, um Kraft, Erfrischung und Inspiration zu finden, stellt der Evangelist Johannes die Begegnung am Brunnen gegenüber.
Was Jesus anbietet, ist radikal anders, auch heute nach 2000 Jahren ist dieser Brunnen die wahre Quelle. Es ist nicht der nächste kleine Impuls für den Tag, sondern eine unversiegbare Quelle. Es ist Gottes Gegenwart, die uns füllt und zugleich überfließen lässt. Wie C.S. Lewis einmal sagte: “Wir sind dazu erschaffen, uns an einem unendlichen Ozean zu erfreuen, nicht an schlammigen Pfützen.” Dieses Wasser zu trinken heißt, sich von Gott unterbrechen zu lassen, ihm die Kontrolle zu überlassen. Das mag unbequem klingen, aber es ist der einzige Weg, unseren unstillbaren Durst zu löschen. So wird unser Leben zu einer sprudelnden Quelle, die andere erfrischt und nährt.
Wer sich von diesem Wasser erfrischen lässt, der kann mit einer Freiheit durchs Leben wandern, die keine äußeren Umstände trüben können. Eine Freiheit, die über diese Welt hinausreicht – grenzenlos, frei machend und erfüllt von Gottes lebendigem Geist. Und vielleicht nehmen wir dann selbst ein Stück Himmel mit in unseren Alltag.
AMEN!


